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In dieser Reihe großformatiger Arbeiten setze ich mich mit dem Begriff von Heimat auseinander. Heimat ist ein Platz in uns. Kindheit, Erinnerung, Sehnsuchtsort und Verklärung. Dort, wo unsere Seele Frieden findet, ein Rückzugsort. Vertrauen, Glauben, unser Hafen, emotionaler Grund und Boden. Zugleich ist es ein Begriff mit historischem Bezug, der Menschen zu Nationen verbindet, für den Kriege geführt wurden und der Menschen zu Mördern werden ließ.

Ich beschäftige mich hierbei auch mit der Geschichte meiner eigenen Familie. Meine beiden Großväter waren im Zweiten Weltkrieg als Soldaten der Wehrmacht an der Ostfront eingesetzt und danach langjährig in russischer Kriegsgefangenschaft. Als die Rote Armee vorrückte, mussten die Familien meiner Mutter und meines Vaters ihre angestammten Heimatorte in Ostpreußen und im Sudetenland aufgeben und kurz vor Kriegsende unter großen Gefahren und Entbehrungen nach Westdeutschland fliehen. Trotzdem war dieser Teil der Familiengeschichte, ihre unmittelbare Verbindung mit den Kriegsereignissen – wie in so vielen anderen deutschen Familien – zuhause kein Thema. Heimat war zu einer Jahrhundertschuld geworden, vielfach gleichgesetzt mit den Begriffen der Nation oder gar des Völkischen.

Und natürlich geht es auch, wie könnte es anders sein, um die Frage von Deutschland (gestern & heute) als historischer und geografischer Heimstatt für Millionen von Menschen. Diese Betrachtung endet nicht im 20. Jahrhundert und beim Dritten Reich, sondern reicht viel weiter zurück, über das Spätmittelalter und bis zur Varusschlacht vor über zweitausend Jahren. Es ärgert und beschämt, wenn in der Diskussion um Heimat dieser geschichtliche Kontext negiert und – zumeist aus einer Unkenntnis des Historischen – nur das Heute gesehen wird. Ganz sicher erfordert die deutsche Geschichte eine kritische Auseinandersetzung, die Herabwürdigung vergangener Epochen und der Leistungen dieser Menschen ist dennoch unzulässig.

Es bleibt festzuhalten, dass Heimat eine sehr filigrane, intim emotionale Komponente beherbergt. Andererseits steht sie auch für das Brachiale, Aggressive, für Schützengräben und Kanonendonner. Offensichtlicher Widerspruch, aber mehr als das auch die Kehrseiten einer Medaille. Das ist der Rahmen, in dem meine Werkreihe „HEIMAT“ zu verorten ist. Meine Überzeugung: Erst wenn wir uns ernsthaft und detailreich mit unserer Geschichte auseinandersetzen, erkennen wir auch unsere Wurzeln und Muster, die sich wiederholen. Tabuisieren ist der falsche Weg, weil er verdunkelt, wo es heller Gedanken bedarf. Das hat nichts mit später Heldenverklärung, Romantik oder gar Bewunderung für die falschen Ziele zu tun. Der moderne Mensch braucht mehr denn je (wieder) eine Heimat.

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Diese Bedeutung des historischen Aspekts, dieses Verständnis von Geschichte als Ursprung findet sich zutreffend auch in einem Zitat von James Gordon Farrell in seinem Roman Belagerung von Krishnapur (1973):
„Wir schauen mit Herablassung auf vergangene Zeitalter, als wären sie nur ein Vorspann für uns…
Was aber, wenn wir nur ein Nachglanz von ihnen sind?“

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H E I M A T

HEIMATLAND – HOMELAND
MUTTERLAND – MOTHERLAND
VATERLAND – FATHERLAND
BRUDERLAND – BROTHERLAND
SCHWESTERLAND – SISTERLAND
FEINDESLAND – ENEMY LAND
NIEMANDSLAND – NO MAN’S LAND
BLUTLAND – BLOODLAND

H E I M A T

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