M A L P H I L O S O P H I E

WARUM & WOFÜR ich male.

WIE ich male. WAS ich male.

Es ist mehr als die Leinwand, ihre Farben und Formen. Zeitgenössischer abstrakter Expressionismus, wie ich ihn verstehe: Die Ideen hinter dem Bild, die Suche nach dem Wesen des Wesentlichen. Ich habe Ansätze, Vorstellungen und Gedanken zur Bedeutung des formalen Hintergrunds. Und ich finde es wichtig, sich zu erklären. Denn wer sprachlos bleibt, kann und hat auch in seinen Bildern wenig zu sagen. Für mich ist es eine Frage des Standpunktes. Ob man Position bezieht, beziehen kann, gleichermaßen zu seiner Malerei insgesamt wie zu jedem einzelnen seiner Bilder. Natürlich ist es subjektiv. Und es ist über die Pinsel- und Strichführung hinaus wirksam. Eben kurz: Meine Philosophie als Maler.

Nachstehend finden Sie die Niederschrift eines sehr ausführlichen Interviews, das ich im Herbst 2019 mit Redakteuren einer deutschen Kunstzeitschrift führte und das sicherlich hilft, meine Sicht der Dinge und meine künstlerischen Ansätze besser zu verstehen. Sie können dieses Interview auch als pdf-Dokument öffnen und/oder herunterladen: > INTERVIEW: MEINE MALPHILOSOPHIE (pdf)

 

 

Er gehört zu den poetischen, tiefgründigen deutschen Malern und Zeichnern der Gegenwart: Christian Bahr. Seine abstrakten großformatigen Arbeiten hängen in privaten und öffentlichen Sammlungen unter anderem in den USA und Kanada, in Australien, Großbritannien und China. Es sind reduzierte, kraftvolle Bilderwelten, die von ihrer ausgeprägten Symbolik und einer strengen Ästhetik leben. Wir baten Christian Bahr zum Interview und merkten alsbald, hier ist ein Maler, der etwas über seine Arbeiten zu erzählen hat. Ein Künstler mit klarer Philosophie und Ansprüchen an sich und sein Werk.

Sie malen und zeichnen seit über 35 Jahren. Was bedeutet Ihnen die Malerei?

Malen und Leben sind für mich untrennbar und gehören zusammen. Ich bin Mensch und Künstler in nur einer einzigen Person. Ich male, was ich als Mensch sehe und wie ich empfinde. Und umgekehrt hilft mir meine Malerei, die Welt in mir und um mich herum besser zu verstehen und neue Perspektiven zu entwickeln. Deshalb liebe ich das Malen. Jedes Gefühl, das ich spüre, jeder Gedanke, den ich ihn mir trage, ist zugleich Leben und Malerei. Ich muss auf der Leinwand nichts konstruieren, es liegt alles auf der Hand, gehört zusammen und beeinflusst sich gegenseitig. Genau so muss Malerei für mich sein. Hineingeworfen in die Mitte des Lebens, den Menschen zugewandt. Wir berauben uns ganz viel der Kraft und Mystik von Kunst, wenn wir sie wie eine unberührbare Kostbarkeit verwahren und aus allem heraushalten wollen.

Das Leben selbst ist also Ihre künstlerische Bezugsgröße?

Das reale Leben ist der beste Lehrmeister und die größte Inspiration, jede Art von Studium kann nur ein akademischer Start sein und bleibt Theorie. Aber ich möchte nicht über die ermüdende Theorie von Malerei sprechen. Denn Kunst ist für mich so viel mehr. Ich will die Malerei fühlen, will sie atmen, und meine Emotionen und auch mein Intellekt sehnen sich danach, von ihr berührt und beeindruckt zu werden. Denn Kunst ist für mich die echte, wahre Schönheit der Menschheit, mit Malerei als einem gewichtigen Teil von ihr. Lassen wir also zu, dass Malerei unser tägliches Leben verschönert. Ich nehme auf ein wunderbares Zitat von Fjodor Dostojewski Bezug: Nur Schönheit kann diese Welt erretten. Daran glaube ich als Künstler und auch als Mensch. An die Kraft der Schönheit. Malen soll Hoffnung schaffen und sein. Ein Ort, wo das Licht ist.

 


 

Wie sieht Ihr Schaffensprozess aus, wie gelangen Sie von der Idee zum fertigen Gemälde?

Meine Bilder entstehen intuitiv und unmittelbar. Ansätze, Farben und Formen sind aus dem Moment heraus geboren, aus einer dominanten Empfindung in mir, die des Weges kam, sich Gehör verschaffte und auf eine sofortige Umsetzung drängte. Es muss möglichst distanzlos sein, ohne große Vorskizzen. Eben keine konstruierte Kopfgeburt, sondern emotional, oder anders: brachial, melancholisch, schwer, zugleich aber auch hell, poetisch und hoffnungsvoll. Kein Vielleicht, auch kein Lauwarm. Jeder einzelne Moment während des Malens zählt, bleibt wichtig und kann eine Richtungsänderung herbeiführen. Ich bleibe wachsam. Ich opfere den Strich nicht der Idee, und ich mag das damit verbundene malerische Risiko bei der Arbeit, die Radikalität der Entscheidungen, die während des Schaffensprozesses zu treffen sind. So und nicht anders male und zeichne ich. Ich will in meinen Bildern nichts Unwichtiges zeigen, weil das Unwichtige und Nebensächliche lediglich Dekoration ist, ein trügerisches und gefälliges Beiwerk, das vom Kern und von der Aussage ablenkt. Ich brauche in meinen Gemälden keine Umwege, keine schönen Fassaden. Und so verzichte ich auf das Unwichtige ohne Wenn und Aber, auch wenn die Unterscheidung nicht immer leicht zu treffen ist, auch wenn sich manchmal das Unwichtige geschickt als wichtig zu tarnen versteht. Niemand außer mir trifft diese Entscheidung und kann sie auch treffen. Was als unwichtig gilt, wird von der Leinwand rückstandslos entfernt. Es ist ein Dialog mit mir selbst. Fokussiert soll es sein, reduziert, nur das mir Wichtige zeigen, den Kern, die Essenz. Alles andere ist Verrat an der Aussage des Bildes.

Hat sich die Art Ihrer Abstraktion in den Jahren verändert?

Je älter ich werde, desto klarer wird der Blick. Ich kann auch besser mit der Leinwand kommunizieren, ich sehe Irrwege früher, ich gebe umgekehrt meine Bilder auch nicht mehr so leicht verloren. Dennoch bin ich radikaler als früher. Manchmal geradezu brutal im Umgang mit meiner Kunst, in dem, was ich als lebensfähig erachte und was ich dann wieder verwerfe. Das ist nicht immer ein harmonischer Vorgang, sondern häufiger auch Kampf. Ein produktiver, notweniger Konflikt in mir selbst.

 

Wenn man Ihren künstlerischen Werdegang sieht, so gewinnt man den Eindruck, dass Sie es sich nicht leicht gemacht haben.

Es war ein langer Weg bis zu dem Maler, der ich heute bin. Zwar war meine Kreativität von Anfang an in mir sehr ausgeprägt, auch die Liebe zur Kunst. Doch ich habe als junger Mann lange mit meinem Schaffen gehadert, weil ich mich in der Malerei nicht unmittelbar, nicht distanzlos genug fand. Ich konnte dieses Ich in meinen Arbeiten nicht deutlich genug sehen, mich dort nicht richtig wiederfinden. Mir fehlte der wirkliche Grund, warum ich ohne Malerei weder leben konnte noch wollte. Die Suche nach einer Antwort dauerte, denn ich wollte mehr erschaffen als nur gefällige Werke, die zwar dem Mainstream entsprechen, aber mehr den Zeitgeist widerspiegeln als mich selbst. Mir ging es all die Jahre um eine ganz eigene Handschrift, einen deutlichen Wiedererkennungswert und eben keine Wiederholung hinlänglich bekannter, immer wieder bemühter Positionen. Heute bin ich froh, dass ich damals so kritisch mit mir selbst war.

Deshalb konzentrierten Sie sich anfangs nicht alleine auf die Malerei?

Und so kam es, dass ich lange Zeit neben der Kunst, zusätzlich zu ihr auch noch andere Wege beschritt. Das war alles reales, echtes Leben und erdet und prägt mich bis jetzt. Vieles war der Kunst fern und doch wieder nah, weil ich aus jedem Erlebnis neue Inspiration schöpfen konnte. Während all dieser Zeit habe ich weiter gemalt, mich in Theorien vertieft und an meinem Stil gearbeitet. Bis ich mit den Resultaten leben konnte. Auch wenn es gedauert hat und keine von Beginn an gradlinige Biographie aufweist, als Mehrwert habe ich jetzt klare, lebensnahe Standpunkte in meiner Kunst, auf die ich stolz bin und die ich gut kommunizieren kann, in den Bildern und außerhalb, weil sie über Jahre durchdacht sind. In meiner Malerei bin ich heute ganz bei mir.

Fällt es Ihnen nicht schwer, in Ihrer Kunst so persönlich zu sein?

Natürlich macht man sich auf diese Weise auch angreifbar und verletzlich. Aber alleine Authentizität ist für mich maßgeblich, diese Ehrlichkeit, eben dass ein Stück von mir sich in jeder meiner Arbeiten wiederfindet. Diesen Anspruch habe ich an mein gesamtes Werk. Und weil das so ist, fühle ich mich in guten Momenten mit meiner Malerei wie auf offener See, fern der Küste und der lauten, übervollen Häfen. Dort draußen kann ich sein, wie ich als Maler bin. Pur, ungefiltert. Diese echte künstlerische Freiheit kam erst mit den Jahren, weshalb ich mit Fug und Recht sagen kann, ich habe die Zeit auch gebraucht, um bei dem selbstbewussten, überzeugten Maler anzukommen, der ich heute bin.

Haben Sie Themen, die uns in Ihrem Werk wiederkehrend begegnen?

In jedem Fall. Aus meiner Sicht braucht Malerei einen diskursfähigen Inhalt, einen roten Faden. Denn Bilder, die kein Thema verhandeln, bleiben stumm und zwangsläufig sprachlos und verlieren die Berechtigung zur ernsthaften Teilhabe an Kunst. Ich jedenfalls habe ein klares künstlerisches Thema, das ich auch kommuniziere. Von der ersten Inspiration bis zum letzten Pinselstrich steht immer der Mensch im Zentrum meiner Arbeiten. Nichts ist spannender, vielfältiger und ausdrucksstärker als der Mensch selbst. Nichts ist lohnender in der Betrachtung, weil es immer auch Selbsterkenntnis bedeutet. Ich thematisiere mit den Mitteln der abstrakten Malerei diesen immerwährenden menschlichen Konflikt zwischen unserer Innen- und Außenwelt. Meine Malerei ist (auch) eine Suche nach dem Menschen in uns. Natürlich bleibt jede Antwort, die ich in meinem Werk gebe, subjektiv. Die Ausgangsfrage jedoch berührt uns alle gleich: Was ist das Wirkliche in und hinter der vermeintlichen, uns umgebenden Wirklichkeit? Was und wie sind wir wirklich, jeder einzelne von uns? Was (noch) sind wir selbst und was schon ist Manipulation durch Dritte, der Versuch einer Einflussnahme auf unser Fühlen, Denken und Handeln? Für mich liegt die einzige Wahrheit in der persönlichen Wahrnehmung. Wir alleine sind der legitime Ursprung von Wirklichkeit.

 

Viele Ihrer Arbeiten nehmen auf historische Ereignisse oder auf Persönlichkeiten aus früheren Tagen Bezug. Warum?

Ohne das Wissen um Geschichte verlieren wir einen Teil unserer Identität. Gerade die Kenntnis der Vergangenheit hilft dabei, das Gegenwärtige in Politik und Gesellschaft besser einzuordnen und die Wahrheiten deutlicher von den Lügen zu trennen. Man geht dem Zeitgeist nicht so sehr auf den Leim. Zudem ist die Geschichte voll von menschlichen Dramen, die es wert sind, erzählt und dem Vergessen entrissen zu werden. Davon mache in meiner Gemälden reichlich Gebrauch. Geschichte ist für mich eine große Inspirationsquelle. Darin drückt sich auch mein Respekt vor der Lebensleistung früherer Generationen aus. Der Mensch und sein Fühlen und Denken haben sich über die Jahrhunderte weniger verändert als wir wahrhaben wollen. In jedem Fall lohnt der Blick zurück als Künstler, auch wenn es unmodern geworden ist, sich seiner Wurzeln zu besinnen. Ich gehe meinen eigenen Weg.

Sie bevorzugen das Großformat. War diese Präferenz bei Ihnen schon immer vorhanden?

Ich hatte noch nie Angst vor der großen Leinwand. Sie gibt mir vielmehr ein unglaubliches Gefühl von kreativer Freiheit. Rein körperlich reduzieren sich die Grenzen in meiner Kunst, die mentalen ebenso wie die tatsächlichen. Ich wollte immer schon groß malen, gefordert werden auch durch die Dimensionen. Achtsamkeit ist gefragt. Jeder kleinste Fehler fällt sofort auf, wird durch die Größe umso offensichtlicher und stört die Bildharmonien gewaltig. Ich mag den vielfältigen Reiz, vor einer solch riesigen Leinwand zu stehen und etwas zu erschaffen. Für mich als Maler kann ein Gemälde gar nicht groß genug sein.

 

Es geht Ihnen also um den einzelnen Menschen mit all seinen großen und kleinen Konflikten?

Die Dramen sind unumgänglich. Es gibt so viele persönliche Wirklichkeiten und eben nicht nur eine einzige Wahrheit. Daraus erwachsen die großen Missverständnisse, Widersprüche und Konflikte. Der Mensch ist der Ursprung von allem, was uns in dieser Welt an Gutem und Schlechtem begegnet. Deshalb setze ich mich in meinem Werk mit dem einzelnen Menschen und seiner Verortung in der Moderne auseinander. Wo sind die Wahrheiten früherer Tage geblieben, all die Wahrhaftigkeiten und Gewissheiten und der klare Weg? Wir leben in unruhigen Zeiten, das Urvertrauen der Kindheit ist uns abhandengekommen. Wir stehen zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Geschichte und Jetzt, zwischen Glauben und Kampf. So viele unterschiedliche Biographien, vereint und getrennt durch Leidenschaften und Sehnsüchte, Ängste und Zweifel. Und mit dramatischen Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden. Ich konstruiere keine neuen und fiktiven Welten, sondern bei mir steht der Mensch im Mittelpunkt. Jede meiner Abstraktionen startet mit ihm und hat ihn und seine kleine große Welt zum Inhalt, sein inneres Königreich, seine verwundete Seele. Dabei wähle ich die Natur als große Metapher. Mit ihrer Hilfe spiegele ich, was ich über den Menschen erzählen möchte. Die Natur ist gewaltig, voll von inspirierendem Licht, Harmonie und Ästhetik. Der Mensch wird klein angesichts dieser Schönheit, die er zwar bewundern kann, die er aber nie erreichen wird. Und doch gibt es einen Zusammenhang. Die Natur ist in uns. Was uns als Menschen ausmacht, was in uns haust und uns um den Schlaf bringt, dies findet in der Natur seine Entsprechung und gleicht Küsten, Wäldern, Ozeanen. Und schließlich die Seele selbst. Sie ist die rätselhafteste aller Landschaften, in denen wir uns als Suchende und Fragende bewegen. Meine Gemälde geben diesen Reisen ein Gesicht, gleich einem Chronisten halten sie meine Streifzüge durch die inneren Landschaften fest. Ohne Zweifel ist das hochemotional, und es berührt mich selbst auch tief. Es ist persönlich, manchmal dunkel und archaisch, dann wieder romantisch und hoffnungsvoll, aber genau so und nicht anders möchte ich es in meinem Werk.

Sie werden auch als deutscher Maler wahrgenommen. Spielt die Nationalität in Ihren Arbeiten oder für Sie als Künstler eine Rolle?

Ich bin ein deutscher Maler und werde international natürlich auch so eingeordnet. Das ist legitim. Denn auch wenn ich das Deutsche in meinen Arbeiten nicht in den Mittelpunkt rücke, so wirkt es doch als der Mutterboden, auf dem die künstlerische Saat reift. Wie könnte das auch anders sein? Erst drei, vier Generationen liegt es zurück, da sind Männer aus meiner Familie für den deutschen Kaiser vor Verdun in den Schützengräben verblutet. Und wenige Jahrzehnte später, während des Zweiten Weltkriegs, haben meine beiden Großväter als einfache Wehrmachtssoldaten an der Ostfront gekämpft, sind in russische Gefangenschaft geraten und erst viele Jahre nach Kriegsende wieder freigelassen worden. In der Endphase dieses Krieges, als die Rote Armee vorrückte, wurden zudem meine Familien vertrieben. Die meines Vaters floh aus Pommern, die meiner Mutter aus dem Sudetenland. Im Westen Deutschlands haben sie sich dann mit Disziplin und dem Glauben an ein besseres Morgen neue Existenzen aufgebaut. Ich habe das nicht vergessen. Es sind sehr deutsche Biografien, deren Gene ich trage. Es mag sein, dass meine Werke deshalb eine gewisse Schwere aufweisen. Diese Suche nach Ernsthaftigkeit im historischen, reflektierenden Kontext ist eben in mir.

 

Wenn man sich in seinen Arbeiten so viel mit dem Menschen auseinandersetzt wie Sie, zu was wird man dann, zu einem Menschenfeind oder Menschenfreund?

Nicht immer ertrage ich all die menschliche Unvernunft und Arroganz gegenüber der Natur und Schöpfungsgeschichte, die Aggressivität und den grundlosen Größenwahn. Es fehlt so sehr an Demut. Und doch, ich mag die Menschen, ich mag ihre Verletzbarkeit, die Empathie hinter der Fassade, die Abgründe der Seele. Niemand ist ohne Schuld und ohne Narben. Aber was uns verletzlich macht, ist zugleich auch unsere Stärke. Am Ende geht es auf irgendeine Art immer um Macht und mehr noch um Liebe, als Quintessenz von allem. Liebe kann Chaos stiften, Imperien stürzen oder ins Paradies führen. Vor allem aber ist Liebe zugleich die ultimative Frage und Antwort. Das macht mir Hoffnung.

Sie begreifen sich als emotionalen Beobachter. Besteht nicht die Gefahr, dass Ihre Gefühle Sie in die Irre leiten? Wäre eine größere Sachlichkeit nicht angebracht?

Ich möchte kein distanzierter Chronist der Zustände sein, zynisch all die Unzulänglichkeiten auflisten und mich dabei moralisch überlegen fühlen, wie es in der Gegenwartskunst derzeit so häufig passiert. Im Gegenteil, ich ergreife Partei für die Menschen und ihre Leidenschaften, selbst wenn diese irrational sind und in den Untergang führen mögen. Deshalb erlaube ich mir eine tiefe Emotionalität im Werk. Als Regulativ, manchmal auch als Antipode wirkt alleine meine strenge Ästhetik. Auf der Leinwand fällt ihr die Aufgabe zu, die überbordenden Empfindungen visuell zu ordnen.

Ihr Werk lebt von einer intensiven, ungewöhnlich gradlinigen Ästhetik. Ist das ein bewusster Vorgang?

Ästhetik ist für mich ein wichtiger kreativer Maßstab, den ich an meine Arbeiten anlege. Mir geht es neben inhaltlichen Aussagen auch immer um gefällige Proportionen und Ausgewogenheit in der Komposition. Ästhetik ist Bestandteil meines künstlerischen Schönheitsbegriffs und hat nichts mit Kitsch gemein und ist auch kein Rückgriff auf eine Heile-Welt-Symbolik. Das Schöne und Ästhetische inspirieren und berühren mich und lassen mich kreativ denken. Unterschätzen wir deshalb die Bedeutung von Ästhetik nicht. Das Bild darf gefallen und kann dennoch polarisieren, Diskussionsansätze bieten und in die Tiefe gehen. Es ist keinerlei Widerspruch.

Gegenwartskunst hat sich weitgehend vom Schönen verabschiedet, scheint es. Stört Sie diese Entwicklung?

Man versucht uns davon zu überzeugen, dass zeitgenössische Kunst nicht mehr schön sein muss, ja es sogar nicht mehr sein darf. Schwachsinn. Ästhetik war und ist kostbar. Und vor allem zeitlos. Selbst das Unschöne oder gar Hässliche kann, sofern bewusst und pointiert eingesetzt, auf eine gewisse Weise ästhetisch wirken. Doch ohne innere Schönheit auf zumindest den zweiten Blick, ohne eben irgendeine Form von Ästhetik wird niemals Kunst entstehen, die den Moment überdauert. Alles andere ist einem flüchtigen Trend geschuldet und wird alsbald wieder in der Versenkung verschwinden.

Sie gehen also zu dem Modernen in der Kunst auf Distanz?

Es gibt diesen bedingungslosen Trend zur Modernität. Alles muss modern daherkommen, möglichst neu sein, unverbraucht und auf eine fast unmögliche Weise noch nie dagewesen. Was bisher war, ist plötzlich gestrig, veraltet und überholt. Auch in der Kunst ist diese Tendenz zu beobachten, und es gleicht einem unkritischen Opfergang auf dem Altar des Zeitgeistes. Nicht die Qualität des Werks, sondern alleine der Grad an Modernität ist maßgeblich. Dabei ist nichts besser, nur weil es modern ist. In den meisten Fällen ist es noch nicht einmal wirklich anders. Häufig stellt man auf den zweiten Blick fest, dass hier nur alter Wein in neuen Schläuchen verkauft werden soll.

Das ist eine sehr grundlegende Kritik. Haben Sie Angst um die Kunst?

Es steht tatsächlich viel auf dem Spiel. Wer das Bisherige auslöscht und alleine durch Modernismus ersetzen will, der negiert nicht nur seine eigenen künstlerischen Wurzeln, der nimmt auch die Kulturgeschichte der Menschheit insgesamt nicht zur Kenntnis. Das ist absurd naiv, manchmal sogar verlogen. Wir sind nicht lebensfähig ohne unsere Geschichte. Das gilt auch für die Kunst. Trotzdem hat das Moderne für mich seinen wichtigen Platz. Als etwas, dass das Gestern und Jetzt in einem neuzeitlichen, ansprechenden Gewand interpretiert. Und da sind wir dann bei meinen Arbeiten. Meine Werke finde ich in diesem Sinne sehr zeitgemäß.

Der Mensch mit seiner Gefühlswelt ist Inhalt Ihres Werks. Das umfasst auch Themen wie Geburt und Tod. Keine Berührungsängste?

Natürlich ist Vergänglichkeit ein ganz gewichtiges Thema in meinen Arbeiten. Ich möchte mich nicht mit Nebensächlichkeiten aufhalten, sondern zum Kern vordringen und auf das Elementare konzentrieren. Das gilt gleichermaßen für Art und Umfang der Abstraktion wie auch für den Inhalt des Bildes. Und was könnte existentieller, grundsätzlicher sein als das Wissen um die eigene Sterblichkeit? Eben weil es zum Leben dazugehört, weil es Urängste auslöst und weil es das Fühlen, Denken und Handeln des einzelnen Menschen so absolut beeinflusst. Trotz aller Sinnsuche finden wir keine einfachen Antworten, sind nicht Gestaltende, sondern müssen hinnehmen, was das Schicksal uns bestimmt.

Das Leben als ein Teil vom Ganzen?

Es gab vor uns Leben und es wird nach uns Leben geben. Die Welt hat nicht erst mit uns begonnen und wird auch nicht mit unserem Tod abrupt enden. Wir sind nicht so außergewöhnlich und so exklusiv, wie wir es gerne hätten. Es geht immer weiter, vom Anbeginn bis zum Ende aller Zeiten. Ein immerwährender Kreislauf aus Geburt, Blüte, Intensität und Vergehen, gleichermaßen beim Menschen wie auch sonst in der Natur. Ein Spaziergang an der See klärt die Gedanken. Gezeiten und maritime Urgewalten zeigen uns überdeutlich, wie winzig und verletzbar wir doch sind. Deshalb bin ich so gerne am Meer, deshalb ist der Ozean ein wiederkehrendes Thema in meinen Arbeiten.

Nicht alle Menschen möchten auf Ihre eigene Vergänglichkeit aufmerksam gemacht werden.

Sicherlich, aber niemand kann an dieser unumstößlichen Tatsache etwas ändern, auch wenn wir es im Alltag gerne vergessen. Zu allen Zeiten hat der Umgang des Menschen mit seiner eigenen Vergänglichkeit die Künstler bewegt, es ist eines der ganz großen Themen in der Kulturgeschichte. Sehr stark finde ich beispielsweise die Gemäldefolgen (Reigenbilder) des norwegischen Expressionisten Edvard Munch hierzu. Sterblichkeit berührt jeden, gerade weil es sich der eigenen Einflussnahme entzieht und die Fragilität unserer Existenz aufzeigt. Wir wandeln auf unsicherem Grund, Tag für Tag wieder, quasi an einem unsichtbaren Abgrund. Jede Planbarkeit ist Illusion, eher Wunsch denn Wirklichkeit. Nichts ist sicher, auch wenn wir unser Leben eben exakt so ausrichten, als würden wir unser Schicksal in Händen halten. Ich finde es deshalb nur natürlich, dass auch ich mich dieser Thematik in meiner Malerei immer wieder künstlerisch zuwende. Alle Berührungsängste wären fehl am Platze.

 

Es fällt auf: Ihre Bildtitel sind häufig poetisch gehalten, wirken manchmal wie aus der Zeit gefallen. Sind Sie ein Romantiker?

Ich lege auf emotionale Titel Wert, weil sie für meine Bilder eine zusätzliche, intime Ebene der Betrachtung eröffnen. Zudem mag ich den Umgang mit Sprache und Poesie sehr. Meine Titel sind dabei bewusst gewählt, manchmal das Ergebnis eines wochenlangen Suchens, manchmal in Augenblicken gefunden. Es gibt immer einen Grund, warum das Bild diesen und keinen anderen Titel trägt und auch nicht tragen kann. Für mich sind es Fragmente eines sehr persönlichen Gedichts. Das gilt auch für Worte, die ich manchen der Gemälde beigebe und die meine Stimmung beim Malen des jeweiligen Bildes einfangen. Für mich ist das alles Bestandteil des kreativen Prozesses, interdisziplinär und ganz egal ob es sich um Malerei oder Lyrik handelt. Meine Leidenschaft ist das Fundament. Man mag es romantisch nennen, ich selbst etikettiere es nicht.

Sie malen abstrakt, also offen für Interpretationen. Andererseits haben Sie in Ihren Bildern ein klares Thema. Ist das nicht ein Widerspruch?

Der Kanon ist längst gefallen, dieser allgemeingültige Maßstab, der Kunst seit dem Mittelalter definierte, der festlegte, wonach sich die Fähigkeiten eines Malers und seiner Werke beurteilen lassen. Und er fiel zu Recht, dieser oberflächliche Zensor, weil er jeder Entfaltung den Atem raubte und nur einen von vielen Wegen zuließ. Aber was ist an die Stelle dieses Kanons getreten? Wir leben in einer Welt ohne künstlerische Richtschnur. Und wenn es keine Grenzen mehr gibt, dann ist alles möglich und zugleich auch nichts wirklich. Das ist der Zustand heute. In der schier unüberschaubaren Masse des Mittelmäßigen droht das Außergewöhnliche zu versinken.

Deshalb die deutlichen Botschaften in Ihrer Abstraktion?

Ich bin nicht bereit, diese Beliebigkeit für mein Werk hinzunehmen. Ich will keine belanglosen Bilder malen, ich möchte eine Aussage treffen. Gerade bei einer reduzierten, abstrakten Malerei sehe ich sonst die Gefahr, in das Grundlose abzurutschen oder Profanes zu überhöhen. Und deshalb arbeite ich meine Positionen umso schärfer heraus, formuliere ein künstlerisch klares Thema in meinen Gemälden. Es bindet mich im Zeitpunkt des Schaffensprozesses, nicht aber das Publikum.

Haben Sie keine Angst vor zu viel Pathos, wenn Sie so grundsätzliche Fragen in Ihrem Werk erörtern?

Es gibt kein Zuviel an Gedanken und Gefühlen, wenn man sich mit existentiellen Themen beschäftigt. Letztlich steht dahinter eine einzige Fragestellung: Woher komme ich, wohin gehe ich, und mehr noch, welchen Sinn hat meine Existenz? Ich bin in meiner Malerei auf der Suche nach Antworten. So wie es der Philosoph mit Worten tut, so nutze ich hierfür meine Mittel als Maler.

 

Da schwingt viel Melancholie mit. Braucht Ihr Werk diese Schwere?

Melancholie ist nichts Schlechtes, sondern bedeutet, dass ich mich mit meiner irdischen Existenz und mit meiner eigenen Vergänglichkeit auseinandersetze. Als Menschen brauchen wir diese tiefen Gedanken und die Gefühle und die Schwere, die damit einhergehen. Dahinter warten Licht und Wärme auf uns. Wir brauchen das Dunkel, um das Helle wahrzunehmen. Keine Flut ohne Ebbe, kein Licht ohne Schatten, kein Tag ohne Nacht. Und genau deshalb braucht es auch die Schwere und diese Melancholie, um das Leben als große Möglichkeit zu begreifen. Meine Gemälde leben von dieser Dialektik und der Spannung, die aus ihr erwächst. Deshalb sage ich auch: Das Dunkel wärmt und reinigt, es macht be-wusst. Und darum male ich auch aus dem Dunklen ins Helle. Genau das ist die Botschaft in meinen Bildern: Akzeptiere möglichst angstfrei den immerwährenden Kreislauf des Lebens, das Gute ebenso wie das Schlechte. Lebe im Jetzt, aber ohne lähmenden Fatalismus. Denn Kampf ist erlaubt, Kämpfen ist wichtig, in einem positiven Sinn und mit offenem Visier. Besser Kämpfer als Opfer. Der grandiose walisische Dichter Dylan Thomas hat das in einer einzigen Zeile sehr gut zusammengefasst, dieses Gefühl der Unausweichlichkeit gepaart mit Widerstand: “Do not go gentle into that good night. (Geh nicht gelassen in die gute Nacht)“. Ein kluger, vielschichtig interpretationsfähiger Satz. Dass er das Gedicht, aus dem dieses Zitat stammt, für seinen sterbenden Vater schrieb, macht es zudem berührend authentisch. Ich halte das für die einzig richtige Perspektive, aus der wir unser Leben betrachten sollten. Als Chance, als Erfahrung, als Abenteuer. Ohne Bitterkeit, auch wenn das manchmal schwerfällt. Unsere Seele besteht weiter, denn sie ist unsterblich. Und auch das Menschliche an uns lebt in der Erinnerung weiter, durch unsere Taten und Worte, in unseren Kindern und Kindeskindern. Die Menschen des Mittelalters formten den Satz: Carpe diem et memento mori. Nutze den Tag und bedenke deine Sterblichkeit. Alles kann schon bald vorüber sein. Wir haben nichts wirklich unter Kontrolle. Es kann jeden jederzeit treffen. Das ist die wahre Botschaft des Lebens. Es ist ein Geschenk, jeder einzelne Tag, jede einzelne Stunde.

Apropos Philosophie: Sie sagten einmal, Sie malen gar nicht so radikal, wie Sie es eigentlich müssten. Wie ist das zu verstehen?

Das geht auf einen Ausspruch des ungarischen Schriftstellers Peter Esterhazy zurück: „Ich lebe nicht radikal genug. Ich lebe, als erwarte mich ewiges Dasein und nicht völlige Vernichtung.“ Ich versuche mir diese Tatsache immer wieder vor Augen zu führen. Es gibt in meiner Malerei keinen Grund, nicht radikal zu sein angesichts der Begrenztheit meiner irdischen Existenz. Ganz im Gegenteil. Ich sollte, ich muss mich immer wieder neu ausprobieren, mehr noch als jetzt schon. Jeder Kompromiss und jede Rücksichtnahme sind fehl am Platze und führen ins kreative Nichts. Es gibt in meiner Kunst noch so viel zu entdecken. Ich will auf meinem Weg mich selbst weiter fordern, riskant bleiben bis zum Äußersten.

 

Immer wieder begegnen uns in Ihren Arbeiten religiöse Themen. Ist diese Nähe zum Glauben für einen zeitgenössischen Maler nicht ungewöhnlich?

Ich male keine religiösen Bilder, jedenfalls nicht in einem engeren Sinn. Aber ich begreife den Glauben als eine Bereicherung und thematisiere das auf unterschiedliche Art. Hoffnung und Licht, Liebe und Glauben sind so unglaublich starke, zeitlose menschliche Empfindungen, die gehören ebenso wie Rache, Krieg und Tod einfach in mein Werk. Zudem gibt es viele biblische Erzählungen, die eignen sich auch im 21. Jahrhundert noch als Metapher. Religion ist mir wichtig. Es gibt Situation im Leben, da stoßen unsere naturwissenschaftlichen Erklärungsmodelle und die menschliche Ratio an Grenzen. Doch ich spüre einen Zauber in dieser Welt, der hilft über den Tag und durch die Nacht und bietet Antworten jenseits der technokratischen, sterilen Sachlichkeit unseres Alltags. Es gibt Schicksal und Bestimmung. Ich glaube an Gott und ich glaube an Wunder. Last but not least gibt diese Sichtweise der eitlen Ego-Show, die Malen natürlich irgendwie auch ist, einen tieferen Sinn.

Beeinflusst es Ihr Verständnis als Künstler?

Meine Kreativität und mein künstlerisches Ausdrucksvermögen wurden mir gegeben, davon bin ich überzeugt. Das ist nicht nur Geschenk, sondern auch Verpflichtung. Denn es bedeutet, dass ich weiter an mir arbeiten muss und nicht leichtfertig meine Möglichkeiten verschwende. Ich möchte fokussiert bleiben, ausgerichtet auf den künstlerischen Weg. Wohin der mich führt, weiß ich jetzt und heute noch nicht, aber ich bin sicher, es gibt immer wieder einen guten Grund für das nächste Bild, für den nächsten kreativen Schritt.

Gibt es Künstler, an denen Sie sich orientieren?

Ich gehe künstlerisch meinen eigenen Weg. Dennoch stehe ich mit meiner Malerei natürlich in einer Tradition. Meine Bezugspunkte sind ganz unterschiedlicher Natur. Sie ziehen sich durch die zurückliegenden Jahrhunderte bis in Heute und reichen von der Klassischen Moderne über den Jugendstil und Expressionismus bis zur Gegenwartskunst. Um Namen zu nennen: Mich bewegen Maler wie J. M. William Turner und seine visionäre Farbabstraktion, der unglaubliche Ernst Ludwig Kirchner, Edvard Munch wegen seines bildhaften Schwermuts, Pablo Picasso mit seiner kreativen Potenz, selbst jemand wie Gustav Klimt und seine goldlastige Interpretation des Jugendstils, der Impressionist Claude Monet (gerade mit seinem Alterswerk). Hinzu kommt das Werk der großen abstrakten amerikanischen Malerinnen Joan Mitchell und Helen Frankenthaler. Und aus dem Bereich des Zeitgenössischen Neo Rauch wegen seiner Ernsthaftigkeit im thematischen Umgang, Gerhard Richter und last but not least der brachiale Georg Baselitz, der sich immer wieder neu erfindet. Das sind die Pole, zwischen denen ich mich bewege. Koordinaten, Einflüsse, Strömungen, nicht mehr und nicht weniger. Ich kann mich auf all diese Bilder und Malerleben einlassen und trotzdem in meiner Kunst eigenständige und vor allem auch unabhängige Pfade beschreiten.

 

Keine Kunst ohne Inspiration. Wie werden Sie inspiriert?

Mein Schaffensprozess ist intuitiv, ich verzichte weitgehend auf Vorplanungen und Skizzen. Ich habe das große Glück, reich an Einfällen zu sein. Und sie sind plötzlich da, ungefragt und zuweilen auch zu unpassenden Momenten. Diese Inspiration ist tief in mir. Es hat etwas Meditatives, wenn alles an- und wieder abfluten darf, jede Emotion, jeder Gedanke. Keine Zensur zu diesem Zeitpunkt. Und aus dem, was nach dem Ende der Flut am Strand verbleibt, aus diesen Überresten entstehen dann meine Ideen. Es ist ein Sehen, innerlich und äußerlich, ein Aufnehmen und Umsetzen in eine eigene Bildsprache. Meine Inspiration ist Fluch und Segen zugleich, weil sie auch antreibt, einen nicht zur Ruhe kommen lässt, und nach einer Perfektion giert, die es nie geben kann.

Sind Sie wie so viele Maler auf der Suche nach dem perfekten Bild?

Meine Bilder sind nicht perfekt, können es gar nicht sein. Ich muss mit dem Zustand des Unperfekten leben, der einen Reifegrad, niemals aber den endgültigen Abschluss dokumentiert. Das fertige, das perfekte, finale, fehlerfreie Bild habe ich noch lange nicht gemalt, und bei ehrlicher Betrachtung bin ich über diesen Umstand auch sehr froh. Ich habe Angst, dass eine perfekte Makellosigkeit zugleich auch Langeweile bedeuten würde. Das Ende aller Zweifel, Ecken, Kanten und Brüche. Und nichts könnte danach mehr kommen. Diese Perfektion würde meiner Malerei den Todesstoß versetzen. Ich aber mag die unauflösbaren Widersprüche in meinen Gemälden. Und genau deshalb mag ich auch das Unperfekte.

Sie sagen, Malen ist für Sie auch ein Kampf. Ihre Kreativität bräuchte nicht nur Gleichklang. Was genau meinen Sie damit?

Malen ist Kampf. Nicht in jeder Minute, nicht ausschließlich, aber häufig. Ein fruchtbarer Kampf mit sich, ein unendliches Ringen um Farben und Motiv im eigenen Zwiegespräch. Es gibt diese Tage und Nächte, da muss jeder Strich erkämpft, jede Farbgebung hinterfragt werden. Natürlich ist es gut, dass es nicht nur leicht von der Hand geht. Denn jeder dieser Kämpfe lohnt, weil er zeigt, dass man als Maler noch atmet und sich entwickelt. Und dieser Kampf darf mir intellektuell und emotional auch wehtun. Mir sind Gemälde, die im Kampf entstanden, die liebsten.

 

Ihre Gemälde kommen mit einer Botschaft daher. Erwarten Sie, dass der Betrachter des Bildes Ihren Inhalten folgt?

Das fände ich befremdlich, denn es geht nicht darum, was ich als Maler in meinem Bild sehe. Es gibt niemals nur ein Falsch und Richtig. Es ist völlig legitim, wenn der Betrachter eine andere Perspektive entwickelt und seine eigene Interpretation wagt. Ich bitte sogar darum. Gerade das macht ja Gegenwartskunst aus. Gute und kraftvolle Bilder sind (auch) Projektionsflächen, die Platz für die Gedanken und Gefühle des Betrachters lassen und bei ihm Empfindungen hervorrufen. Jeder erschafft sich sein ganz eigenes Bild, und keines gleicht dem anderen. Wir sollten nicht so tun, als wenn Gemälde objektiv angeschaut und bewertet werden können. Der Dialog zwischen Gemälde und Betrachter fällt immer intim aus, ist hochgradig persönlich. Ich als Maler kann das Bild nicht festhalten, früher oder später kommt der Moment, da es meiner Hand entwächst und eigene Wege beschreitet, sich emanzipiert. Dieser Prozess ist unaufhaltsam. Ein jeder nimmt Anteil an ihm, fügt zu meiner eine neue, eigene und natürlich gleichermaßen richtige In-terpretation hinzu. Die eine erste, die ursprüngliche Idee verschwimmt immer mehr. Das ist ein natürlicher Vorgang. Ich mag das Loslassen, weil es mentalen Freiraum gibt für neue Werke. Jeder Abschied ist hier auch der Beginn von etwas Neuem und Spannendem.

Sie betonen das Subjektive in der Wahrnehmung und sprechen nicht nur von einer, sondern von vielen Wirklichkeiten. Was bedeutet das?

Eben weil es nicht nur die eine, die einzige Wirklichkeit gibt. Es existiert kein Monopol auf Wirklichkeit. Wirklichkeit ist subjektiv und sie ist alleine in uns beheimatet. Jeder von uns hat seine eigene, private kleine Wirklichkeit und wie er die Dinge sieht und empfindet. Meine Wirklichkeit ist nicht deine Wirklichkeit, kann es gar nicht sein. Aber deine Wirklichkeit ist ebenso richtig und gut wie meine.

Warum ist Ihnen diese Feststellung so wichtig? Welche Bedeutung hat das für Ihre Malerei?

Es ist als Erkenntnis bedeutsam, weil wir dem Wirklichen vertrauen, es für (die) Wahrheit halten. Aber wir belügen uns. Und werden auch belogen, ganz bewusst manipuliert, indem man eine einzige dieser Wirklichkeiten und Wahrheiten zur Weltformel erhebt und als einzig richtig darstellt. Doch diese Welt ist unsicherer als wir meinen, voll von unterschiedlichen, widersprüchlichen Wirklichkeiten, und keine ist weniger oder mehr wahr. In meiner Malerei versuche ich diese Sichtweise zu verdeutlichen. Meine Art der Abstraktion zielt darauf ab, zum Kern des Wahrnehmbaren in uns vorzustoßen, zu eben dem, was wirklich bleibt und einen Konsens darstellt.

 

Welche Bedeutung haben hierbei Kunsttheorien für Sie?

Leider haben wir es mit Kunsttheorien zu tun, die uns ex cathedra erklären, wie das jeweilige Werk zu interpretieren ist. Dieser absolute Deutungsanspruch stört mich. Ich finde es unvollständig, Kreatives alleine mit der Ratio deuten zu wollen und künstlerische Kompetenz auf ihre Gattungszugehörigkeit zu reduzieren. In jedem Fall tut es der Kunst nicht gut, wenn die rein theoretische, intellektuelle Auseinandersetzung einen großen Raum einnimmt. Es sind Diskussionen im Elfenbeinturm. Malen, so wie ich es lebe, kommt dagegen aus dem Bauch. Und vor allem ist es Herz und Seele, keine Kopfgeburt. Es geht primär um Gefühle, lassen wir uns nichts anderes einreden.

Planen Sie in nächster Zeit größere Ausstellungen?

Ich brauche nicht länger eine lange Liste mit Ausstellungsorten, um meinem Ego zu schmeicheln, das finde ich im 21. Jahrhundert überholt. Dennoch ist mir der unmittelbare Kontakt mit meinem Publikum wichtig. Meine Sammler befinden sich überwiegend in den USA und Großbritannien. Zukünftig werde ich deshalb im angloamerikanischen Bereich mehr Präsenz vor Ort zeigen. Konkret sind Ausstellungen in Los Angeles, New York und London in Planung.

Es gibt mehr als nur die die Kunst des Malers. Kunst besitzt auch eine wirtschaftliche Größe, ist Ware. Wie stehen Sie selbst zu diesem Aspekt?

Auf der einen Seite ist meine Kunst, die ich erschaffe. Ich male für mich, weil es in mir ist, weil es raus muss, als Bild manifestiert werden will, weil es diese Bestimmung in mir gibt. Das ist Kunst von mir und für mich. Ich denke, jeder ernst-hafte Künstler weiß, wovon ich spreche. Ich male also nicht für einen Kunstmarkt, sondern alleine für mich. Dennoch freut mich jedes meiner Gemälde, das beim Publikum Interesse weckt und Käufer findet. Es ist fantastisch und eine große Unterstützung, damit ich meine Malerei weiter auf diesem hohen Niveau betreiben kann. Kunst ist zudem immer auch Kaufobjekt, finanzielles Investment und exquisite Ware. Ich bin froh über das Interesse der Sammler an meinem Werk und an meiner Person. Es haben sich über die Jahre sehr angenehme Kontakte zu den Besitzern meiner Gemälde dort draußen in der Welt ergeben. Ich mag diese Art des Feedbacks. Auch wenn ich in meiner Kreativität autark bin, so bestärkt mich die Rückmeldung von außen doch immer wieder, auf einem richtigen Weg zu sein. Insofern gehören für mich beide Aspekte zu einer Kunst, wie ich sie lebe. Maler, Gemälde und Sammler gehen eine fruchtbare Symbiose ein. Zudem, kein Mensch ist eine Insel, das gilt auch für Christian Bahr.

 

Sind die auf dem Kunstmarkt teils aufgerufenen Preise nicht völlig überzogen?

Sicherlich gibt es den einen oder anderen Wahnsinn in der Kunstszene, und sicherlich ist auch nicht alles Gold, was marktschreierisch beworben wird. Doch Kunst ist eben auch einer der wenigen Bereiche, der noch als Investment mit stabiler Wertschöpfungskette taugt. Dieser Aspekt hatte viele Jahrhunderte seine Berechtigung, und das gilt auch heute noch. Für viele Sammler ist es ein echtes Kaufargument. Nachvollziehbar und legitim, dass der Kunstmarkt sich als finanziell sensibler Bereich über Angebot und Nachfrage reguliert.

Widerspricht das nicht der Reinheit von Kunst, wenn sie sich gemein macht mit Kapital und Investoren?

Wir sollten der Kunst keine Unschuld andichten, die sie noch nie besaß. Sobald ein Gemälde das Atelier verlässt, spielt der Preis sehr wohl eine Rolle. Das war noch niemals anders. Kunst hat zu allen Zeiten die Nähe des Geldes gesucht. Der Schönheit der Kunst und ihrer Ausdruckskraft hat es aber keinen Abbruch getan. Ich kann mich dem Wehklagen, dass Kunst ihre Unschuld verloren hätte, deshalb nicht anschließen. Zudem war Kunst noch nie wirklich demokratisch. Dazu ist sie viel zu sehr Statussymbol sowie intellektuelles und soziales Prestigeobjekt.

Ihre Gemälde werden teilweise bereits im fünfstelligen Bereich gehandelt. Akzeptabel?

Man mag bedenken, ich erschaffe Unikate mit beständigem Wert und langer Lebensdauer. Meine Gemälde sind qualitativ wertig und werden noch in hundert und mehr Jahren die Menschen erfreuen. Zudem sagt der Preis, den der Käufer zu zahlen bereit ist, auch immer etwas über den Respekt aus, den man meinem Kunstwerk und mir als Künstler entgegenbringt. Ich rede hier von Wertschätzung, und der Verkaufspreis ist eben ein verlässlicher Gradmesser dafür. Zudem bin ich es meinen Gemälden schuldig, einen adäquaten Preis anzustreben. Schließlich veräußere ich einen sehr intimen Teil von mir, für dessen Geburt ich kreativ gestritten habe. Deshalb ist jeder halbwegs vernünftige Preis, der sich am Markt erzielen lässt, auch legitim.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

(Bei diesem Interview handelt es sich um die Mitschrift eines Interviews aus dem Herbst 2019, das Kulturredakteure eines Online-Magazins mit Christian Bahr führten. Das Interview liegt auch in englischer Übersetzung als Langtext und pdf-Dokument vor und ist über die englischsprachige Fassung dieser Website abrufbar.)