557

PROJEKTSKIZZE

Wir leben in einer visuellen Welt. Fotografische Erzeugnisse dominieren uns und definieren Wirklichkeit um. Ich möchte dieser Dominanz des Fotos mit den Mitteln des Malers entgegentreten. Seit mehreren Jahren arbeite ich an einem entsprechenden Projekt unter dem Titel „Foto versus Gemälde“, das sich mit der Fotografie und seiner Verbindung zur Malerei beschäftigt. Der nachfolgende Text gibt den derzeitigen Konzeptstand wieder.

AUSGANGSPUNKT: DAS FOTO UND SEIN HEUTIGER STELLENWERT

Das Foto gilt als objektiv. Heutzutage besitzt das Foto (neben dem Medium Film) einen Herrschaftsanspruch, was die Beweisführung in Sachen Wirklichkeit angeht. Die Fotografie als Lichtkasten von Wahrheit, als Dokumentation des Zeitgenössischen. Was sich nicht auf Fotos wiederfindet, existiert nicht, nicht nur in der öffentlichen Wahrnehmung nicht, sondern es existiert überhaupt nicht. Umgekehrt gilt jedes Foto per Selbstdefinition und durch den Gebrauch in den Medien als echt, wirklich, wahrhaftig und als eine naturidentische Abbildung. Hieraus erwächst in der Folge auch ein sozialer, gesellschaftlicher und politischer Anspruch.

Doch das Foto ist nicht objektiv. Bildmotiv und –Auswahl unterliegen alleine der Entscheidung des Fotografen, seiner Intuition, seinem Ansinnen und seinem handwerklich-künstlerischen Geschick. Und es wird nicht die Wirklichkeit abgebildet, sondern eine von vielen, gleichrangigen, eben die des jeweiligen Fotografen. Mithin kann das Foto keine Objektivität besitzen. Warum betrachten wir nun ein Foto mit anderen Augen als wir es bei einem gemalten Bild tun? Warum ist uns bei einem Foto das Motiv zumeist wichtiger als das kreative Können, während wir uns Gemälden in aller Regel in eben umgekehrter Reihenfolge annähern (zuerst das Können, der kreative Ausdruck, dann das Motiv)? Das Projekt FOTO VS. GEMÄLDE will diese Fragestellungen im Gegen- und Miteinander von Foto und Gemälde erörtern.

FOLGERUNGEN: ZIELE DES PROJEKTS

Es soll mittels der Malerei zu einer Demaskierung des Fotos als Instrument objektiver Darstellung kommen, zu einer Offenlegung des nur scheinbar Wirklichen. Offenkundig werden soll die allgegenwärtige Beliebigkeit in Farben und Formen, die Darstellung von Oberflächlichkeit als Inhalt ebenso wie von Inhalten, die in Oberflächlichkeit verharren, damit sie nicht unter die Haut gehen, nicht schmerzen. Denn wird das Foto in seinem Anspruch auf Absolutheit in Frage gestellt (nicht in seinem Ausgangspunkt), dann stellt man folgerichtig auch die heutige Darstellung des Wirklichen im öffentlichen und privaten Raum in Frage. Diese Fragestellung ist wichtig, denn es gibt mehr als nur eine Wahrheit. Oder anders gefragt: Gibt es überhaupt Wahrheiten?

All das braucht weder ein messbares Ziel noch kann es eines nachweisen. Dafür ist das Finale in der Aussagekraft des Bildes/Fotos entschwunden. Es beginnt wieder zu fließen, wird frei formbar, wird emotionalisiert und zutiefst subjektiv. Es gibt keine Grenzen außer die der eigenen optischen Wahrnehmung, in der Nichts mehr absolut ist, nicht mehr eingefroren und mundgerecht serviert durch die Augen eines naturidentischen Objektives. So ist wieder alles möglich. Es gibt keine Inszenierungen, keine Naturgesetzmäßigkeiten außer den eigenen, die es zu beachten lohnen würde. Und letztendlich ist das Bild auch nicht mehr korrumpierbar, weil es seinen Nutzen als massentaugliche Manipulation verloren hat. Um mehr geht es nicht.

Malerei kann und darf hierbei natürlich keinen Gegenentwurf zum Foto bilden. Malerei ist niemals allgemeingültig, sie ist ebenso subjektiv und nur für den Einzelnen ein Bestandteil seiner eigenen Wirklichkeit. Sie ist nicht besser als das Foto selbst, nicht unschuldiger, und schon gar nicht objektiv und ehrlich(er). Und so entbindet die Malerei auch nicht von der Verantwortung des Einzelnen, an die Stelle einer untauglichen Wirklichkeitskopie (Foto wie Leinwand) eine ganz eigene, bis ins Mark persönliche Interpretation zu setzen. Und dieser Findungsprozess wird scheitern, wenn er mit sich selbst nur mental, rational geführt wird. Es bedarf des Körperlichen in seiner Gesamtheit, um wieder Boden unter den Füßen zu finden. Es bedarf jener Kraft, die aus dem Anarchischen schöpft, die kein Ziel kennt. Nur dann wirkt es unmittelbar, distanzlos. Das Bild als Bild, nicht als Mittler oder Makler. Geradezu zwangsläufig bieten sich deshalb Aktmotive an, sowohl für den fotografischen Ausgangspunkt wie auch für eine malerische Umsetzung. Das Nackte, Unmittelbare gibt sich hierbei als (scheinbar) unmanipuliert und frei von subjektiven Einflussnahmen. Und dennoch unterliegt kaum ein Bereich (in der Fotografie ebenso wie in der Malerei) einem derart starken Drang zur subjektiven Intervention durch den Künstler. Hier schließt sich auch der Kreis zu meinen grafischen Akten und Körperstudien.

REALISIERUNG: DER KREATIVE RAHMEN

Der kreative Rahmen, in dem sich das Projekt künstlerisch bewegen soll, bedarf der Definition, quasi eines Regelwerkes. Dieses ist noch nicht abschließend definiert und besteht derzeit aus folgenden vorläufigen Ansätzen und Überlegungen:

1. Die Quelle, das Ausgangsprodukt, also das Foto, muss eigenständig bleiben, und zumindest in irgendeinem der Prozessabschnitte auch als solches erkennbar.

2. Foto und Gemälde müssen einen thematischen Bezug zueinander aufweisen und auch -rein optisch- nebeneinander bestehen können; die Bezugs- und Verbindungspunkte sollen sich dem Betrachter ohne große Erklärungen erschließen. Dies schließt auch die Farbgebung ein.

3. Der Projektprozess vom Foto zum Gemälde muss geradezu dokumentarisch festgehalten werden und die Entfremdung des fotografischen Motivs abbilden, d.h. die Rückführung auf eine eigene Wahrnehmung von Wirklichkeit nachvollziehen lassen. Mithin wird das Foto auch inhaltlicher Bestandteil des Malprozesses.

4. Trotz aller Reduktion muss das Bild auf der Leinwand selbst Aussage und Schönheit in sich tragen (besser: einen subjektiven Begriff von Schönheit). Die Reduktion alleine kann nicht Rechtfertigung genug für das Gemälde sein. Das Gemälde muss auch ohne das Foto als Gemälde wirken.

5. Weitere Fragestellungen: Was ist mit interaktiven Elementen, die die zweidimensionale Reduktion scheinbar oder tatsächlich aufheben? Ist hierfür eine kreative Interaktion mit dem Motiv selbst, die Einflussnahme des Modells auf den Grad und die Richtung des Malens sinnvoll oder gar erforderlich? Wird der Grad an Subjektivität hierdurch verstärkt oder kommt es vielmehr zu einer „Verobjektivierung“, die das Individuelle reduziert?

Wird fortgeschrieben…